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Dienstag, 19. August 2008

Deutschland spielt um Bronze: Stimmen zur Niederlage

Das hatten sich Renate Lingor und Co. anders vorgestellt. Die "Operation Gold" endete Gestern jäh, als die deutsche Frauennationalmannschaft gegen Brasilien die Kontrolle über das Spielgeschehen verlor und sich zwischenzeitlich sogar richtig vorführen ließ. Die zwei fast identischen Konter der Brasilianerinnen zu Anfang der zweiten Hälfte, die zur 2:1 und 3:1 Führung führten, ließen das in der ersten Halbzeit gut gestartete deutsche Spiel erstarren.

Noch nie seit der WM 2007 wurde ein Spiel so heftig diskutiert, wie das gestrige Halbfinale. Neben dem Schock über die vielen Gegentore und den verpassten Einzug ins Spiel um Gold werden auch darüberhinaus Fragen formuliert. Einige dieser Fragen existierten schon vor der Niederlage, andere erhalten neue Brisanz.

Sylvia Neid äußerte sich bisher eher nüchtern und analysierte das Spiel relativ unemotional. Spielerinnen wie Birgit Prinz gaben hingegen zu, dass Brasilien die überlegende Mannschaft war. Kritik an Neids Einschätzung folgte sofort mit äußerst offenen Worten.

Auf dem Frauenfußballblog Womensoccer wird die Niederlage über die 90 Minuten hinaus diskutiert. Bei vielen scheint es Unmut über die Bundestrainerin zu geben, andere finden das zu kurz gegriffen und analysieren die Spielweisen verschiedener Kontinente. Auch die Bundesliga gerät in die Kritik. Sowohl die Kommentare während des "Livebloggings", als auch die Stimmen nach dem Spiel sind lesenswert und bieten eine tolle Plattform um selber mitzudiskutieren.

Zurückhaltend der Kommentar auf der Seite des DFBs. Abhaken und nach vorne schauen der Konsens, wenig zu den Kontersituationen, der Abwehrleistung oder Sylvia Neids Standpunkte.

2 Kommentare:

Mayte hat gesagt…

Neid spielt - das haben andere schon richtig erkannt - nicht nur um Bronze, sondern auch um das Image des deutschen Frauenfußballs. Was würde passieren haben wir uns in diesem Blog vor dem Spiel gefragt, wenn das erste Gegentor fallen würde, das man mit Beginn der Olympischen Spiele schon so manches Mal zu sehen glaubte? Jetzt erst recht? Resignation? Was würde passieren?
Die deutschen Damen sind erfolgsverwöhnt (wenn man das im Frauenfußball denn mit Blick auf die Männer überhaupt sagen darf), der Weg zum erneuten Weltmeistertitel 2011 im eigenen Land begann die Qualitäten eines sehr langen Sommermärchens zu anzunehmen. Und seit Theo Zwanziger prominentester Fan der deutschen Fußballfrauen (und der Abwehrspielerinnen im Besonderen) ist, schien sein kleiner Glücksbringer die kritischen Stimmen zum Schweigen zu bringen, die ab und an das ideenlose Spiel des Mittelfeld bemäkelten, die vorhersehbaren Passspiele, die Fehlpässe, die fast schon zementierte Doppelsechs, die technischen Schwächen der deutschen Fußballerinnen.
Was also würde passieren haben wir uns gefragt, was würde passieren, wenn das erste Gegentor fallen würde?
Das Halbfinale gegen Brasilien sprach eine so deutliche Sprache, wie das vermutlich vorher niemand erwartet hätte – die ersten Gegentreffer kamen im Paket, die deutschen Spielerinnen schienen wie gelähmt von dem explosiven Offensivfußball ihrer Gegnerinnen, das Spiel aus einem Rückstand heraus war kaum noch ein Spiel.
Aus einem Spiel muss man keine Untergangsszenarien ableiten. Gleichermaßen aber muss man die Schwächen ernst nehmen, die sich auf so eklatante Weise am Montag gezeigt haben.
Die Kommentare der Nationaltrainerin erscheinen mir leider als verzweifelte Versuche, an einem Image ihrer Mannschaft festzuhalten, das den ein oder anderen neuen Anstrich vertragen könnte. Dieses Image verklärt die deutschen Fußballfrauen um Birgit Prinz herum zur Weltspitze der Fußballkunst und übersieht dabei, dass andere Mannschaften sowohl körperlich, taktisch als auch technisch an den deutschen Frauen vorbei zu ziehen beginnen. Um in diesem Feld den Anschluss nicht zu verlieren, verlangt es nach einer ganzen Menge Veränderungen, die bereits vielfach diskutiert und gefordert wurden. Allem voran verlangt es danach, eine gewisse selbstzufriedene Couchschwere abzulegen, die mir bezeichnenderweise immer als erstes in den Sinn kommt, wenn im Fußball von den deutschen Tugenden gesprochen wird. Silvia Neids Taktik bei diesen Olympischen Spielen war für mich wenig durchdrungen von Mut, Risiko und Gestaltungswillen, sondern schien mehr darauf angelegt, gemütlich auf der Couch des Erfolgs sitzen zu bleiben. Um den deutschen Frauenfußball weiterhin zu einem attraktiven Erlebnis im Stadion wie zu Hause zu machen, ist es an der Zeit, dass vor allem hier ein Mentalitätswandel stattfindet. Allemal lieber ist mir eine nicht so erfolgreiche, dafür aber innovative und engagierte Frauenmannschaft, als eine, die sich in alltbekannter Routine zur Bronzemedaille durchzittert.

karlssonvomdach hat gesagt…

Ja, das wird auch mehr als den Frust um verlorenes Gold nach sich ziehen. Der Frauenfußball allgemein - hatte er sich gerade durch die Erfolge einen Platz in den Herzen der Deutschen erobert - muss wohl jetzt wieder von vorne anfangen, um bei dem aussichtslosen Kampf um die Aufmerksamkeit gegen die Männer mithalten zu können. Was bietet denn der aktuelle Frauenfußball dem Ottonormalzuschauer? Die Schnelligkeit und Eleganz entspricht der einer Oberligabegegnung der Männer, die Torchancen sind eher auf der anderen Seite zu finden, die Kombinationen gibt es maximal nach dem Spiel zu sehen und ein Kampfwille erscheint höchstens gegen die Medien. So wird das leider nix. Auch wenn Theo Zwanziger und sein kleiner Glücksbringer (was kann das wohl sein.....?????) von der Tribüne herunterwinken. Neuanfang scheint die einzige Lösung zu sein.