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Montag, 18. August 2008

Kommentar: Eins zu Null für Brasilien

12:13 MESZ. Die zwölfte Minute im Halbfinale Deutschland gegen Brasilien läuft. Es hat noch keine nennenswerten Chancen gegeben. Bis Kerstin Garefrekes an der Mittellinie einen Pass auf Renate Lingor spielt, die Brasilianerin Renata fängt den schlecht gespielten Ball ab. Sie läuft ungestört bis zum Strafraum, spielt dann einen Pass rechts außen in den Raum. Dort startet Christiane, die ohne den Ball anzunehmen eine Flanke auf den ersten Pfosten schlägt. Vor Annike Krahn taucht plötzlich Marta aus dem Nichts auf und lenkt den Ball mit dem Innenrist auf das kurze Toreck. Nadine Angerer kann ihr Gewicht nicht mehr umverlagern, der Ball springt ihr über den Fuß. Tor, Eins zu Null für Brasilien.

Stellen wir uns weiter vor, wie der Kommentator die schöne Kombination der Brasilianerinnen lobt und die nächsten zwanzig Minuten Sätze formuliert, die unglaublich lang sind, und in denen immer entweder "Weltrekord", "402 Minuten" oder "Angerer" vorkommt. Stellen wir uns vor, dass Birgit Prinz und Renate Lingor beim einstudierten Jubel der 20 000 bestellten Schulkinder die Köpfe fassungslos in den Nacken werfen, die Arme in die Hüfte gestützt. Stellen wir uns vor, wie Sylvia Neid die Hände vor dem Gesicht zusammenschlägt und Ulrike Ballweg die Augen in ihrem Notizzettel vergräbt. Stellen wir uns vor, dass Sylvia Neid daraufhin zum ersten Mal mit einem vorsichtigen und ein wenig hilflosen Blick die Ersatzbank absucht.

Bis zum Anpfiff sind es noch mehr als eine Stunde und eigentlich ist das obige Szenario keines, was man den deutschen Frauen bei Olympia wünschen möchte. Aber ein bißchen schon. Denn vielleicht löst ein solches Gegentor beim deutschen Team etwas aus. Wenn es früh kommt, bleibt vielleicht noch genug Zeit, damit etwas passiert.

Zum Beispiel, dass Renate Lingor, im Bewusstsein ihr vielleicht letztes Spiel für Deutschland zu spielen, aufblüht, sich gar nicht mehr daran erinnert, wie Fehlpässe gehen, Birgit Prinz unermüdlich die schönsten Bälle in die Spitze spielt und scheinbar gleichzeitig wieder als Anspielmöglichkeit für Ariane Hingst in der eigenen Hälfte steht. Oder dass Annike Krahn der Brasilianerin Marta so auf den Füßen steht, dass diese in der 30. Minute eine dunkelgelbe Karte bekommt, weil sie vor Frust der in der Nähe stehenden Ariane Hingst einen Schulterknuff verpasste. Von Christiane sieht man schon gar nichts mehr, weil die Abwehr sich virtuos im Raum bewegt und trotzdem noch nach vorne arbeitet. Vielleicht auch nur dass die blöde "doppel Sechs" mal vergessen wird und Melanie Behringer und Kerstin Garefrekes zusammen mit Birgit Prinz einen Sturm bilden, der sich die Doppelpässe hin und her und alle anderen schwindelig spielt. Und vielleicht wechselt Sylvia Neid in der 38. und 56. Minute und dann sogar nochmal in der 82. Minute.

Ob die deutschen Frauen noch ein Tor schießen, oder auch zwei, kann man trotzdem nicht sagen. Aber wir wünschen uns sowas. Oder etwas ähnliches.

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